Zugspitz Trailrun Challenge 2017

Höher und spektakulärer geht’s nicht bei einem Traillauf-Event in Deutschland. Der Gipfel der 2.962 m hohen Zugspitze ist atemberaubender Zielpunkt für Deutschlands härtesten Marathon bei der vierten Auflage der SCOTT ROCK THE TOP – Zugspitz Trailrun-Challenge vom 22. bis 23. Juli. Gestartet wird im österreichischen Ehrwald. Der traumhaft schön gelegene Ort inmitten der Berglandschaft der Zugspitz Arena Bayern-Tirol ist diesmal Schauplatz aller vier Wettkämpfe an zwei Tagen. Vor allem die Marathon-Strecke von Ehrwald auf die Zugspitze hat es in sich: 4.076 Höhenmeter im Aufstieg auf 45 Kilometer Distanz sind hier zu bewältigen. Auch der Zugspitz Berglauf ist ein Rennen für technisch versierte und alpin erfahrene Läufer. 15,8 km und 2.127 Höhenmeter sind nichts für Anfänger. Wer es weniger extrem mag, der findet im Halbmarathon (20,9 Kilometer und 1035 HM) und in der 10 km-Kurzdistanz (495 HM) passende Alternativen.

Das Team Gamsbock stand mit Johannes, Lucia, Martin und Markus an der Startlinie:

Markus: 5:00 Uhr Start Ehrwald

Der Wecker klingelt um zwei Uhr früh und ich beginne erst einmal zu fluchen: 5:00 Uhr Start, wer kommt denn auf sowas? Ich habe mir angewöhnt drei Stunden vor dem Start zu Frühstücken und schiebe mir schlaftrunken einen Reisriegel in den Mund. Nächster Wecker: 3:30 Uhr. Diesmal heißt es aufstehen, rein in die Klamotten, Rucksack mit Pflichtausrüstung fertigpacken und in die Hotellobby auf einen Kaffee und ein zweites Frühstück. Die vorbereiteten Lunchpakete im Tiroler Hof sind ähnlich trostlos wie die verschlafenen Gesichter im Frühstücksraum und das Wetter, das uns erwartet. Was ist noch schlimmer als Start um 5:00 Uhr? Start um 5:00 Uhr bei Nieselregen! Trotzdem merkt man den versammelten Athleten die Anspannung und auch die Vorfreude auf den bevorstehenden Marathon an. Die Strecke ist fantastisch und dieses Jahr soll es zum ersten Mal in der Geschichte des SCOTT Rock the Top auf den Zugspitzgipfel gehen. Bei Dunkelheit geht es los und das starke Starterfeld rollt im 3:30er Schnitt raus aus Ehrwald in Richtung Grüner Ups. Als Läufer merkt man dabei meist schnell, ob die Beine und die Verfassung an diesem Tag gut sind oder nicht. Ich fühle mich heute miserabel: Puls viel zu hoch für das Tempo, die Beine bockhart – von Lockerheit keine Spur. Oh je, das wird ein Kampf heute, schießt es mir durch den Kopf. Ich versuche meinen Rhythmus zu finden und laufe als Sechster über den Grünen Ups. Ein Bergwachtler ruft mir zu, dass mir wohl zwei Minuten auf die Spitze fehlen. Während ich noch sinniere, dass ich doch nicht so schlecht unterwegs bin, bleibe ich im Morast stecken und es zieht mir den Schuh von den Socken – naja, jetzt sind es wohl drei Minuten. Bergab geht der Kampf weiter: Die Oberschenkel schmerzen und ich komme in meiner Paradedisziplin Downhill heute überhaupt nicht zum Laufen und stakse in Richtung VP1. Die zehn Kilometer von Lähn (V1) nach Biberwier (V2) sind wohl die unspektakulärsten des Rennens. Hier geht es etwas besser und ich übergebe als Viertplatzierter nach 23 Kilometern und 1300 Höhenmetern an Johannes…

Johannes: 7:00 Uhr Biberwier

„Wenn meine Stunde schlägt, dann jetzt! Und wenn meine dicken Haxen für irgendetwas gut sind, dann für diesen traumhaft steilen Aufstieg in die spektakulär enge Biberwierer Scharte“, denke ich mir als ich mit aufgefüllten Soft Flasks an der VP 2 loslaufe. So wirklich weiß ich zu diesem Zeitpunkt nicht, ob ich eher 30., oder doch 50. bin – wie sich später herausstellt war ich doch etwas weiter vorne. Und selbst wenn ich es gewusst hätte, das Rennen wäre so, oder so ziemlich einsam gewesen – weit und breit kein Läufer zu sehen. Ich pendle mich bei 165 Pulsschlägen pro Minute ein und mache das was ich am besten kann: steil Hochstapfen.

Meine Gedanken über Sinn und Unsinn solcher Rennen werden unterbrochen, als ich die Augen zusammenzwicke, weil mich das erste Mal am Tag die Sonne blendet. „Licht am Ende des Tunnels sehen“ ist in diesem Fall die richtige Metapher, als ich wenige Minuten später die Scharte erreiche – und mich innerlich ziemlich ärgere wie teilnahmslos eine 10-köpfige Wandergruppe am Wegesrand das Rennen verfolgt. Gleichgültig und desinteressiert stehen sie da und gaffen mich an. Nicht weil ich es bin, der vorbeiläuft, sondern weil man auch ruhig mal klatschen, schreien, oder jodeln darf wenn sich Menschen da hochschinden. Bei Rennen in Frankreich und Italien hätte die Wandergruppe „Hausverbot am Berg“ erhalten – zu Recht!

Oben angekommen eröffnet sich mir ein traumhaftes Panorama und ein Downhill der Extraklasse: steil abfallende Felswände, flowige Trails, die malerisch gelegene Coburger Hütte und als Krönung der Seebensee. Die umliegenden Berge spiegeln sich im See: was für ein Naturspektakel. Wenn ich nicht so mit meinen wackligen Oberschenkeln und dem innerlichen Zorn über meine desolate Downhill-Performance zu kämpfen gehabt hätte, ich hätte diese Minuten genossen.

Das Trinken geht mir langsam aus und da ich diesen Streckenabschnitt nicht kenne, weiß ich auch nicht, wie weit es noch bis zur VP 3 an der mir bekannten Pestkappelle ist. Ich quäle mich ziemlich auf der Forststraße und muss zwei sichtlich elegant laufende Konkurrenten an mir ohne Widerstand vorbeiziehen lassen. Egal, es geht hier für mich eh nur ums Überleben und nicht um Platzierungen, denke ich mir und stürze mich in den finalen Downhill zur Verpflegungsstation, wo mich endlich ein Becher Cola erwartet und Philipp Reiter mit eine paar witzigen Sprüchen zu meinem desolaten Zustand. Ohne zu wissen, wie ich im Rennen liege übergebe ich an Lucia…

Lucia: 8:30 Uhr Pestkapelle

Bei der VP 3 an der Pestkapelle kontrolliere ich kurz, ob der Getränke-, Riegel- bzw Gelvorrat noch reicht und beschließe, diese Verpflegungsstation auszulassen und mich gleich aufzumachen zum nächsten steilen Stück. Ich quäle mich hoch, jeder Schritt tut weh und ich frage mich ständig warum es heute nicht recht „läuft“. Aber gut, manchmal ist das eben so. Leider muss ich hier die anderen Läufer erstmal ein wenig vorbeiziehen lassen. Zum Glück hab ich keine Uhr die mir Puls und Höhenmeter anzeigt, also weiß ich nicht wie schnell ich bin. Ich hatte mir so sehr eine Zeit unter 4 Stunden gewünscht, aber meine Vermutung sagt mir, dass das heute wohl nicht drin ist. Die Querung zum Feldernjöchl ist ein einziger Kampf, vor allem psychisch, wenn einer nach dem anderen an dir vorbeigeht. Am Feldernjöchl angekommen weiß ich aber, dass es ab hier bergab geht. „Geil“ denk ich mir, „jetzt kannst du’s endlich rollen lassen“. Platz für Platz kann ich bis zum Gatterl gutmachen und fühle mich mit jedem Meter ein wenig besser. Auf deutschem Boden höre ich Lena und Heidi mich anfeuern – Danke dafür, das war Goldwert! Die recht flache aber verblockte Strecke bis zur VP 4 geht wider Erwarten gut, ich fühle mich immer besser und fülle auch hier nur kurz mein Iso auf und weiter geht’s. Bis zur VP 5 bei Sonnalpin überholen mich die zwei ersten Marathon Männer. Ich bin beeindruckt, in welchem Tempo die nach knapp 40km noch den Berg raufgehen können. Da stellt sich mir die Frage: wie geht’s Markus und Johannes im Rennen? Wenn bei Markus alles gut läuft, ist er der nächste, der an mir vorbeiziehen wird? Ich sehe die steile Schotterrampe hinauf zum Gipfel und bin den Tränen nahe, weil ich weiß, dass es nicht mehr weit ist und die Läufer vor mir sich wie aufgereiht an einer Perlenkette im Zick-Zack nach oben kämpfen.

Zieleinlauf

Lucia

Kurz vorm Ziel höre ich aus dem Nichts Martin oben brüllen. Ich schaue kurz rauf, dann hinter mir runter: Markus kommt mit schnellen Schritten – und sichtlich erschöpft – auf mich zu. Wow! Er wird wirklich Dritter! Das ist ja unfassbar! Meine letzten Kräfte mobilisiert feiere ich ihn ebenfalls an und laufe nur Sekunden später hinter ihm ins Ziel und das auch noch in 3:42h. Was für ein Rennen! 

Markus

Dieser Schwede hängt jetzt seit der Knorrhütte in 20 Meter Abstand wie eine Klette an mir und ich kann ihn bis zum Ziel nicht abschütteln. Aber den dritten Platz lasse ich mir jetzt nach diesem harten Kampf nicht mehr nehmen. Martin brüllt mich nach oben, kurz vorm Gipfel treffe ich auf Lucia, die mich ebenfalls anfeurt und mit letztem Einsatz – japsend, keuchend und sichtlich angeknockt- bringe ich den Vorsprung ins Ziel auf fast 3000 Meter Höhe – einer der geilsten Zieleinläufe meines Lebens.

Johannes

Apathisch stolpere ich die letzten 100 Höhenmeter in Richtung Ziel, als mich die anfeuernden Rufe meiner Freundin Lucia erreichen. „Die wartet hier nicht wirklich auf mich denke ich mir“ und merke dabei, dass mich die Gefühle in Form von 2-3 Tränen auf der Wange übermannen – dieses Rennen ist einfach zu viel für mich. Kurz vor dem Ziel steht dann die ganze Bayerwald-Connection (Markus, Martin, Anika, Philipp, Lucia) aufgereiht und begrüßt mich schreiend und jodelnd – was für ein Abschluss! Nach 7:30h sehne ich mich im Ziel tatsächlich nur nach Cola und einer Sekunde für mich. Selten hat mich ein Rennen so berührt wie heute – wahrscheinlich weil ich selten so von einer Strecke „paniert“ wurde.

Tag 2 - Halbmarathon

Manchmal ist mein Körper schon komisch und führt ein regelrechtes Eigenleben. Während ich ihm für den gestrigen Tag eine optimale Rennvorbereitung mit Tapering, ausgeklügelter Ernährung und gezielter Wettkampfvorbereitung bot hatte ich mir für den Sonntag nichts vorgenommen. Heute wollte ich das Rennen einfach locker nach Hause laufen. Heute hatte ich beim Frühstücksbuffet so richtig zugeschlagen: Neben Palatschinken mit Nutella, Eiern, Müsli mit Obst, Waffeln, Käse, Lachs, frischgepressten Säften und drei großen Cappuccinos hatte ich eigentlich nur die Weißwürste ausgelassen. Heute schlich ich ohne Aufwärmprogramm in Richtung Startgelände und hatte eigentlich nicht wirklich Lust auf Wettkampf. Doch während ich mich gestern mit schweren Beinen und todmüde über die Strecke quälte, waren die Beine heute plötzlich gut.

Nach verhaltenem Start merke ich schnell, dass im Körper doch noch reichlich Saft (frischgepresst J) steckt und beginne am ersten Berg die Aufholjagd auf die Spitze. Das Tempo ist hoch, aber so blau wie ich gestern dem Zugspitzgipfel entgegengetaumelt bin wirkt alles andere wie ein Trainingsläufchen. Beim ersten Downhill zur Gamsalm machen auch meine Oberschenkel – die mich gestern so geplagt hatten – plötzlich auf und ich kann es völlig schmerzfrei so richtig rollen lassen. Wow, die Sache beginnt Spaß zu machen – ich bin im Rennmodus angekommen.

Bei Kilometer 10 erwartet mich mein Trainingspartner Martin Mühlbauer, der mich spontan die nächsten Kilometer begleitet. Die Strecke wurde gegenüber den letzten Jahren verändert und ist in diesem Jahr ein richtiges „Trailjuwel“: Viele flowige Singletrails, technisch fordernd, aber nicht zu anspruchsvoll. Man kann so richtig „ballern“ und genau das machen wir jetzt. Wir pushen uns gegenseitig, lassen es auf den Downhills ordentlich krachen und haben einfach jede Menge Spaß auf den Pfaden rund um Ehrwald. So kann ich immer näher zur Spitze aufschließen und mich im allerletzten Downhill entscheidend vom Zweitplatzierten Christian Schlagbaumer absetzen. In schnellen 1:42h finishe ich hinter dem starken Sieger Konrad Lex.

Die Ergebnisse des Team Gamsbock können sich wieder mal sehen lassen:

Lucia Haböck: 24. Platz Berglauf

Johannes Schmid: 22. Platz Marathon

Martin Mühlbauer: 16. Platz Berglauf

Markus Mingo: 3. Platz Marathon, 2. Platz Halbmarathon, 3. Platz Double

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